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    Interview mit Holger Schmidt (38), Betreiber der Bar "Kiez Köln".    

Der Traum von der eigenen Bar – ein Insider berichtet

Viele träumen davon, eine Bar, eine Kneipe oder ein Café zu eröffnen. Holger Schmidt (38) hat sich diesen Traum erfüllt: Erst arbeitete er als Sportlehrer und Messebauer, bis 2010 dann der Startschuss für das „Kiez Köln“ fiel – eine Bar, die an die Hamburger Reeperbahn erinnert, mit Dancefloor im Keller, viel Rot, viel Plüsch und beleuchtetem Backstein. Im Szenealarm-Interview gibt Holger Insider-Tipps für Leute, die selbst eine Bar aufmachen wollen. Er spricht über Freuden und Leid eines Bar-Betreibers, über Anfängerfehler und schwerhörige DJs. Und darüber, warum er in zehn Jahren wohl einen anderen Job haben wird.  



Wie bist du auf die Idee gekommen, eine Bar zu eröffnen?

Ich hatte Freunde mit eigenen Bars. Das fand ich immer cool. Ich dachte: Wenn ich mal groß bin, will ich so was auch machen. Wahrscheinlich wollen das viele. Die wenigsten machen’s dann tatsächlich.

Was fandst du an der Idee so toll?

Ich fand’s schön, mit Gästen zu tun zu haben. Bier zu verkaufen. Vor allem dachte ich: Dann kann ich immer umsonst trinken und muss nix bezahlen.  

Wie viel Startkapital hattest du?

60.000 Euro. Wir haben die Bar zu zweit eröffnet, jeder hat 30.000 Euro beigesteuert. Wir haben alles selber gemacht: Mit dem kompletten Freundes- und Bekanntenkreis haben wir viereinhalb Monate umgebaut. Ansonsten wäre die Bar für uns nicht finanzierbar gewesen. Durch meinen vorigen Job als Messebauer bin ich kostenlos an große Mengen Material für unsere Inneneinrichtung gekommen. Normalerweise hätten wir für die Bar sonst locker 200.000 Euro gebraucht.  

Mit einer sechsstelligen Summe sollte man also rechnen, wenn man eine Bar eröffnen will?

Ja. Es kommt halt darauf an, was man selber erledigen kann. Vieles ist einfach teuer, zum Beispiel wenn man Toiletten oder Fenster neu machen muss.  

Woher hattet ihr denn eure 60.000 Euro Startkapital? Alles angespart?

Ja. Als wir endlich eröffnet haben, war übrigens tatsächlich die komplette Kohle aufgebraucht: Wir hatten nicht mal mehr Geld für den Wareneinkauf! Dann haben wir über unsere Lieferanten die Getränke erst mal auf Pump bekommen. Die mussten uns vertrauen, dass wir’s packen.  

Wie habt ihr den Standort für eure Bar ausgesucht?

Uns war wichtig, dass die Bar zentral liegt. Wir liegen jetzt zwar ganz gut (Anmerkung der Redaktion: In der Kölner Moselstraße, einer Seitenstraße des Zülpicher Viertels, in dem vor allem Studenten ausgehen), aber nicht so gut wie zum Beispiel Läden auf der angrenzenden Zülpicher Straße. Die sind oft besser besucht. Zu uns muss man halt erst noch um die Ecke gehen. Dadurch muss sich unsere Bar erst mal rumgesprochen haben.  

Was war in eurer Gründungs-Phase besonders mühsam?

Die langen Tage. Wir haben ja selber renoviert und von morgens bis in die Nacht gearbeitet. Nach der Eröffnung wurde es noch schlimmer: Da ging’s jeden Tag bis morgens sieben oder acht Uhr, weil wir den Laden auch noch selber geputzt haben. Das war schon heftig. Wir wussten zum Beispiel gar nicht, wie man Bars überhaupt einräumt. Mittlerweile haben wir da ein System. Sehr mühsam waren auch die ganzen Vertrags-Geschichten, zum Beispiel das Aushandeln von Preisen mit Getränke-Lieferanten.  

Kann man da viel falsch machen?

Ja. Wir wollten immer eine Bar ohne Lieferanten- oder Brauereibindung. Haben wir aber nicht geschafft. Es ist so: Wenn du einen langfristigen Vertrag mit einem Lieferanten eingehst, gibt der dir einen Kredit, sagt zum Beispiel: Wir geben dir 30.000 Euro, dafür bist du bei uns zehn Jahre lang vertragsgebunden. Das kann durchaus hilfreich sein, weil Banken für die Gastro relativ selten Kredite geben. Andererseits verlangt er von dir dafür dauerhaft einen höheren Bierpreis. Und wir hatten großen Ärger, weil wir Biersorten anderer Anbieter verkaufen wollten. Generell würde ich Bar-Gründern also auf jeden Fall raten, keine langfristigen Verträge mit Lieferanten einzugehen.  

Was erlebt man mit Behörden, wenn man eine Bar eröffnen will?

Ich würde sagen: Die kassieren viel Kohle dafür, dass sie einfach in ihrem Büro sitzen und ihre Stempel auf alle möglichen Papiere hauen. Da sitzt dann zum Beispiel ein Mitarbeiter bei der Stadt, der sich Unterlagen anschaut und dir irgendwann einen Plan zurückschickt, in dem deine Gastro-Fläche grün markiert ist. Dafür zahlst du dann um die 2.000 Euro. Kommt mir schon übertrieben vor.  

Was bemängeln Behörden denn so alles, wenn man eine Bar eröffnen will?
 
Der Klassiker: Ein Feuerlöscher ist nicht richtig beschildert. Einmal musste ich lachen, weil sie bemängelt haben, dass der Toiletten-Wegweiser fehlt. Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand die Hose runterzieht und in den Laden pinkelt, weil er die Toilette nicht findet. Es ist einfach so: Wenn die einen Fehler finden, tanzen die im Kreis und freuen sich.
  
Wie sieht bei dir ein normaler Arbeitstag aus?

Ich stehe meistens zwischen 10 und 12 Uhr auf – je nachdem, wie lange die Nacht war. Dann mache ich erst mal Arbeiten im Büro. Meine Freundin betreut unsere Internet- und Facebook-Präsenz. Wir checken, ob uns jemand angeschrieben hat, zum Beispiel wegen irgendwelcher Veranstaltungen. Dann steht natürlich die Buchhaltung an: immer schön die Ablage sortieren, Rechnungen überweisen, Personal bezahlen. Und die DJ-Planung und den Einkauf nicht vergessen. Insgesamt hat man mit einer Bar viel mehr zu tun, als man denkt.  

Wie viele Stunden pro Woche arbeitest du?

60, würde ich sagen.  

Was genießt du besonders an deinem Job?

Dass ich auch mal tagsüber frei habe und mein Leben selber organisieren kann: Keiner sagt mir, wo ich zu sein und was ich zu tun habe. Man ist schon sehr selbstbestimmt.  

Und was nervt dich am meisten?

Vor allem der Stress mit Anwohnern. Wir hatten Ärger mit einer 25-jährigen Zahnärztin: Die hat sich oft schon um neun abends beschwert, dass es zu laut ist. Sogar am Rosenmontag und beim Champions-League-Finale. Das Ordnungsamt war mehrmals pro Woche da. Es gibt, glaube ich, nur ganz wenige Bars oder Kneipen, die nicht irgendeinen Dauer-Nörgel-Anwohner haben. Dazu kommt: Viele DJs hören praktisch nix mehr. Die wissen dann auch nicht, dass es auch leiser ginge (lacht). Es gab Nächte, in denen war ich zehn Mal beim DJ: Ich hab‘ auf die Anlage gezeigt und gesagt, „Guck mal, da sind so Balken, wenn die rot werden, isses zu laut!“ Typische DJ-Krankheit.  

Sollten Leute, die eine Bar eröffnen wollen, vorher genau recherchieren, wie die Anwohner drauf sind?

Auf jeden Fall. Oft kann man auch beim Ordnungsamt erfragen, wie viele Beschwerden es an bestimmten Orten gibt. Und man sollte in Erfahrung bringen, wie streng die zuständigen Behörden sind.  

Was hat dich in der Eröffnungsphase der Bar positiv überrascht?

In der Renovierungsphase hat es viele Leute wirklich interessiert, was da Neues entsteht. Daran sieht man, dass man als Bar ein richtiger ‚Faktor‘ in einem Stadtviertel ist. Viele haben auch gesagt, dass Ihnen gefällt, was wir da machen. So ein Feedback macht schon Spaß. Weil man sich ja auch viele Gedanken macht und viel Mühe gibt.  

Woran habt ihr euch bei Inneneinrichtung und Musik orientiert?

Wir haben einfach rumgebastelt und versucht, aus möglichst wenig Geld viel zu machen. Was die Musik angeht: Am Anfang haben wir fast nur Funk gespielt. Aber dann haben wir gemerkt: Unser Laden ist zu groß, das spricht einfach nicht genug Leute an, gerade zum Tanzen. Heute spielen wir eher Rock und Indie. Wir haben ein sehr gemischtes Publikum zwischen 20 und 50. Und wenn wir Specials zum Beispiel mit Gothic, Elektro oder Drum ’n’ Bass gemacht haben, waren das in der Regel schlechtere Abende als bei Normalbetrieb.  

Hast du noch mehr Insider-Tipps für Leute, die eine Bar aufmachen wollen?

Auf jeden Fall darauf achten, dass die Kaution für den Laden nicht zu hoch ist. Wir haben fünf Monatsmieten Kaution bezahlt, das war wahrscheinlich zu viel. Und natürlich sollte die Miete nicht zu hoch sein. Faustregel: Maximal zehn Prozent des Umsatzes sollten dafür draufgehen. Wenn mein Laden also 3.000 Euro Miete kostet, wie es bei uns der Fall ist, sollte ich etwa 30.000 Euro im Monat umsetzen. Und: Ich würde nie wieder etwas ohne Außen-Gastro machen. Wir haben keinen Außenbereich, in den sich unsere Gäste setzen können. Dadurch ist der Sommer für uns schwierig, da kommen wir nur knapp über die Runden. Oft stehen wir bei 35 Grad im Laden und wissen: Heute kommt keine Sau.  

Wie kann man seine Bar nach dem Start bekannter machen?

Das Wirksamste ist immer noch, eine schöne Bar zu machen, die den Leuten gefällt. Das spricht sich dann über Mundpropaganda rum. Facebook ist für uns nicht wirklich hilfreich. Man kann auch versuchen, in bekannten Stadtmagazinen erwähnt zu werden. Aber da kommt man oft nicht rein.  

Wie läuft eure Bar heute insgesamt?

Wir sind ganz zufrieden. Wir können beide ganz gut davon leben. Können uns nicht beklagen.  

Was verdienst du damit?

Sagen wir’s so: Wir kommen über die Runden. Reich werden wir aber nicht. Dafür bräuchten wir eine mega-angesagte Szene-Bar, die permanent voll ist. Als Messebauer habe ich ein Vielfaches verdient. Generell glaube ich, dass die goldenen Gastronomie-Zeiten vorbei sind. Die Studenten zum Beispiel sind durch die Master- und Bachelor-Studiengänge ganz anders drauf: Die haben viel weniger Zeit und gehen nur noch am Wochenende weg. In den 70ern haben die Leute vielleicht noch ständig in Fünferreihen an der Theke gestanden und sich Schnäpse reingehauen – das gibt’s heute nicht mehr.  

Was machst du in zehn Jahren?

Ich weiß es noch nicht genau. Aber ich würde sagen: keine Bar mehr.  

Warum nicht?

Eine Bar ist schon anstrengend. Man arbeitet viele Nächte durch. Und es ist nicht immer leicht, den netten Gastgeber zu machen, wenn man mal einen schlechten Tag hat. Ich könnte mein Geld einfacher verdienen. Man darf auch nicht vergessen: Auch in einer Bar schleift sich eine Routine ein. Am Anfang ist alles noch total spannend: Welche Getränke verkaufe ich? Wie räume ich die Bar ein? Was kann ich noch schöner oder effizienter machen? Aber irgendwann ändert sich nicht mehr viel. Dann ist klar: Am Donnerstag oder Freitag ist die Bestellung fällig, am Ende des Monats muss ich zum Steuerberater, und Anfang des Monats steht die Personalplanung an. Dadurch ist irgendwann auch eine Bar immer dasselbe. Ich brauche aber immer wieder mal was Neues.  

Danke Holger!

Das Interview mit Holger Schmidt vom Kiez Köln führte www.szenealarm.com
Köln, August 2013
   
   
       
         
   
   
         
   
 
       
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